
Sehr geehrte Damen und Herren,
am gestrigen Tage wurde ich Zeuge eines bemerkenswerten Vorfalls in meiner Nachbarschaft. Ich kam gerade von einer wichtigen Besprechung (ja, der bevorstehende harte Landtagswahlkampf zwingt mich leider dazu, manchmal auch am Wochenende berufliche Termine wahrzunehmen). Ich wollte gerade ins Auto steigen, um in der Stadt einige Einkäufe zu erledigen (Plus und Schlecker), da bemerkte ich zwei Jugendliche (in sog. Hipperhopper-Kluft), die sich offenbar über mich amüsierten.
Ich war mir nicht ganz sicher, warum. Mein Äußeres war gepflegt, ich trug meinen kleinen Dienstanzug und hatte auch keines meiner berühmten “Histörchen” erzählt, mit dem ich den Ortsverband der SPD im Anschluß an wichtige Gespräche zu unterhalten pflege. Dann hörte ich sinngemäß die Worte: “Ey Alter, der da [also ich, TSG] hat gar keinen Hals.”
Offenbar war es meine Anatomie, die die Heiterkeit der beiden Jugendlichen ausgelöst hatte. Der Vorfall hat mich sehr betroffen gemacht. Nicht nur, daß so ein Verhalten — gerade jetzt vor dem bevorstehenden Spitzenwahlkampf in Hessen! — von mangelndem politischem Anstand zeugt. Auch ist es ein Zeichen von persönlicher Respektlosigkeit. Was passiert, wenn wir anfangen, Menschen nach ihrem Äußeren, egal wie seltsam, zu beurteilen? Stellen Sie sich vor, ein Migrant (mit anderer Hautfarbe) würde auf diese Weise verlacht. Sofort würden bei mir alle Alarmglocken schrillen. Aber auch unabhängig von der Hautfarbe ist es ein unschöner Vorgang, der bedenklich stimmt.
Ich habe daher beschlossen, im bevorstehenden Landtagswahlkampf dieses Thema zumindest auf der Liste möglicher Wahlkampfthemen unterzubringen. Unsere Schulen müssen Schüler zu einem respektvollen Miteinander erziehen, sonst ist die Schulpolitik verfehlt.
Mit freundlichen Grüßen
Thorsten Schäfer-Gümbel
